Freitag, 24. Mai 2019

Der 30. Februar des Jahres



Es regnet brossierte Hüte;
wer etwas dafür kann,
sollte jetzt nicht zögern,
die Hand zu heben.

Während die Hände sich erheben,
die Hüte zu fangen,
den eigenen ins Dickicht zu verlagern,
schreibt man Schuldscheine aus.

Es war eine dunkle Hut-Nacht,
die Schreibmaschinen griffelten
von Richtung der Nordwest-Allee.

Wer konnte, aß etwas auf,
sei es eine Vermisstenanzeige,
ein parfümierter Liebesbrief,
der Griff einer Pandora-Büchse,
ein geliehenes Ohr.

Dann setzte man sich unter einen
tapferen Zweig, maß den Umfang
seines Schädels anhand gelesener
Bücher, und probte den letzten
Reim eines verwandten Geistes,
nicht länger als zweihundert Jahre tot.

Die Gasthäuser rollten ihre
Fässer aus den Kellern:

"Bring out the dead!"

Manche nutzten die Zeit bis
zum Aufprall mit dem
Nachspielen eines Horoskops.

Ältere Herrschaften wurden mit
Zöpfen schick gemacht, den
Töchtern abgeschnitten,
auf dass niemand erkennen soll ...

Hätte ich noch ein wenig
mehr Zeit, würde ich
über die bahnbrechende
Erfindung der Dorfstraße reden.

So aber bleibt mir nichts
als mich anzuschließen.

Donnerstag, 23. Mai 2019

Projekt Hypnos: 02 Die geheimnisvollen Blütenstühle



Uns wurde Kunde von der Fähigkeit bestimmter Pflanzen, zu träumen, wie der Mensch es tut. Wir bezeugen dies für den Alant, der aus den Tränen der Helena entstanden ist und für das Gewitterkraut. Noch einmal müssen wir uns in den Bienenstock begeben, denn es dürfte klar erscheinen, dass wir noch einige Kammern ausgelassen haben, die ebenfalls beherbergt und gepflegt wurden, wie man es noch nirgendwo gehört. Die rätselhaften Dinge sind es, die uns auf Pfade führen, die das Leben als das große Mysterium des Schlafs offenbaren, umgeben von Wänden, bestehend aus einer nachgiebigen Substanz, wie Titanwurz in die Höhe reckend, aber von Fäulnisgeruch umgeben.

Die Wabengemächer im Bienenstock boten dem Betrachter einen Saal, dessen Wachswände wie feuchte, zusammengenähte Gesichter eine Kathedrale bildeten, die sich über Blütenstühle wölbte, deren Vorbild nirgends zu entdecken wäre, würde man es suchen. Auch hier gab es, wie wir es von den Brutzimmern des Stock bereits berichteten, eingelassene Wannen im Boden, in denen die Nachtflüssigkeit der dort lagernden Frauen gesammelt wurde. Diese Ströme des ruhenden Körpers jedoch wurden, anders wie die Nährflüssigkeit der Drohnen, für ein Elixier gebraucht, das den Ehemännern der Arbeiterinnen zur Verfügung stand. Zu ihrer Aufgabe der Zeugung gehörte nämlich das Kompostieren der klamm gewordenen Erde in den Talniederungen des Umlands. Die Gefahr für die schweigsamen Samenlasser war außerhalb des Bienenstocks gewaltig zu nennen, denn dort wurden sie weder von den Ratten noch von ihren Ehefrauen beschützt, sollte sich das sogenannte "unheimliche Zögern" nähern, das man nur durch sein Flirren erkennen konnte, wenn die Sonne einen niederen Puls schlug und gleichzeitig der Nebel günstig über den Äckern stand.

Im Folgenden eine Anmerkung: Das "unheimliche Zögern" wollen wir in unserem nächsten Bericht erst erwähnen, denn es enthält eine animalische und vegetative Besonderheit, die unserer jetzigen Absicht, die Blütensäle in Augenschein zu nehmen, zu sehr in eine visuelle Bedrängnis brächte.
Das Elixier wurde verabreicht, um den Drohnen eine stille Genugtuung zu gewährleisten, die in alter Zeit dem Alkohol vorbehalten war. Das Nachtsaftelixier gab es in verschiedenen Dosierungen, die auch "Geschwindigkeiten" genannt wurden; diese waren wichtig, um den Zeitausgleich der zerstörten linearen Funktion derselben zu gewährleisten. Die Arbeiterinnen hatten zu diesem Zweck ihre Blütenstühle; umflankt von Staub- und Kronblättern bildeten sie das Pistill, in dem sie lagen und unser Reich aufsuchten, so dass wir überhaupt auf sie aufmerksam wurden.

Jedoch können wir jetzt davon sprechen, dass es sich bei unserer Protagonistin, die den Saal betrat, um das gleiche lilienweiße Mädchen handelte (die wir Pasithea nennen wollen, weil sie in ihrer grazilen Gestalt meiner halluzinatorischen Gefährtin gleicht), das bereits in unserem ersten Bericht erschienen ist.

Es war bekannt, dass die Blütenstühle an Empfindlichkeit kaum zu überbieten waren. Nie durfte auch nur ein Ohm zu wenig oder zu viel des Wassers in die Töpfe sickern, nie durfte auch nur eine Kotule zu viel oder zu wenig Erde die satten Wurzeln bedecken.

Aber Pasithea sah mit Schrecken ein Häufchen Erde neben einem der Auffangbecken liegen und sprach die halbdämmernde Arbeiterin an: "Du hast die Erde verwühlt, du Unglückselige! Denkst du denn kein bisschen an deinen Mann?"

Mittwoch, 22. Mai 2019

Woher stammt der Begriff "Heavy Metal"?

Untersucht man den Begriff Heavy Metal als ein Musigenre auf seine etymologische Herkunft, führt das zu dem überraschenden Ergebnis, dass die konventionellen Meinungen und Darstellungen der Herkunft des Begriffs falsch sind. Recherchiert man in der Fachpresse und in Interviews mit den am Begriff beteiligten Personen, offenbart sich, dass der Begriff teilweise in der kulturellen Atmosphäre der damaligen Zeit lag. Es gab durchaus konkurrierende Begriffe für die Art von Musik, die sich dann als Heavy Metal durchgesetzt hat, aber keiner von ihnen hätte dem Genre die gleiche Strahlkraft und Authentizität vermitteln können.

Wo aber kommt der Begriff Heavy Metal her? Das hat sich mit Sicherheit jeder schon einmal gefragt, um dann auf die gängigen Antworten zu treffen. So weit so gut, wenn man sich damit zufrieden gibt. Heutzutage ist der Heavy Metal in Bezug auf den Sound, die Lyrics und das unterschiedliche Publikum so sehr zersplittert, dass wir im besten Falle von einem Meta-Genre sprechen können. Das einzige Verbindungsglied ist die Reduzierung auf das Stammwort Metal. Hat der Begriff darüber hinaus eine Bedeutung? Eine Antwort kann man finden, wenn man sieht, wann und warum er überhaupt verwendet wurde.

Ein Genre erfüllt immer auch eine "Ordnungsfunktion", die es erlaubt, eine bestimmte Anzahl von Musikstücken zu gruppieren, zu definieren, zu unterscheiden und mit anderen zu vergleichen. Wenn wir also Metalsongs einem Genre zuordnen, dann weist das darauf hin, dass unter ihnen ein Verhältnis von Homogenität, gleicher Abstammung, und Authentizität bereits etabliert ist.

Die herkömmlichen Antworten auf die Frage: „Woher stammt der Begriff Heavy Metal“?


In einschlägigen Printmedien werden drei verschiedene Quellen genannt. Zwei davon hatten mit diesem Begriff allerdings keinen Musikstil im Sinn. Die erste Quelle besagt, dass die Textzeile "Heavy Metal Thunder" aus dem Song "Born to be Wild" von Steppenwolf dafür verantwortlich ist, dass wir heute mit diesem Begriff hantieren.

Im Juni 1968 erreichte der Song Platz 2 in den US-Charts. Wie jeder zu wissen glaubt, taucht der Begriff hier zum ersten Mal innerhalb eines Musikstücks auf.

Abgesehen davon, dass der Song einer der meist gespielten im Radio ist, hat er seine Bekanntheit nicht zuletzt dem Film Easy Rider von 1969 zu verdanken. Mars Bonfire, der den Song schrieb, erklärt den Begriff folgendermaßen:

Ich benutzte den Ausdruck "Heavy Metal Thunder" in "Born To Be Wild", um damit zu vermitteln, wie es sich anfühlt, wenn du mit dem Auto oder dem Motorrad auf den Wüstenhighways Kaliforniens unterwegs bist. Als ich das Lied schrieb, erinnerte ich mich an solche Erlebnisse und diese Phrase fiel mir ein, um die Schwere und die Lautstärke der Motoren zu beschreiben. Erst danach wurde mir klar, dass ich den Begriff "Heavy Metal" noch aus der Schule kannte. Die Schwermetalle sind Teil des Periodensystems von Mendelejew, das Elemente mit hohen Atommassen enthält.

Die zweite Quelle, die als Urheber des Begriffs Heavy Metal zitiert wird, hat ebenfalls keinen musikalischen Kontext. Es handelt sich dabei um den Roman "Naked Lunch" von William S. Burroughs. In diesem apokalyptischen Buch verwendet Burroughs den Ausdruck Heavy Metal als Synonym für Folter. Der Journalist des Circus Magazine Philip Bashe schrieb in einem Buch über das Genre, dass "der Begriff Heavy Metal wohl am ehesten aus William S. Burroughs Roman Naked Lunch, 1959 in Paris geschrieben, 1962 in den USA veröffentlicht, stammt."

Und ein Journalist des Toronto Globe stimmte dem zu:

"Die moderne Musik der Stahlarbeiter, der Rockergangs, und die Hintergrundmusik der südamerikanischen Folterkammern hat ihren Namen von einem Begriff, der von William Burroughs in seinem Roman Naked Lunch geprägt wurde".

Gefunden werden kann die Figur des Uranus-Willy, the heavy metal kid im zweiten Teil der sogenannten Nova-Trilogie, genannt "Nova-Express". Da es so viele unterschiedliche Editionen von Burroughs Schriften gibt, wird man sie in der gekürzten deutschen Übersetzung von Naked Lunch wohl eher nicht finden.

Wie auch immer, Willy, the heavy metal kid hat keinerlei Bezug zur Heavy Metal-Musik. Es bleibt also erst einmal unklar, warum gerade dieser Charakter zu einem Namensgeber wurde. Vielleicht war es auch gar nicht diese Figur, Burroughs diente der Begriff nämlich ebenfalls als Bezeichnung einer Droge, oder genauer: für Heroin.

In dem Buch "The Ticket that explodes" heißt es:

"Was wir Opium oder Junk nennen, ist eine stark verdünnte Form der Schwermetallsucht". 

(Hier haben wir die erste mögliche Analogie, die besagt, dass man von der Musik abhängig ist und sie hört, um high zu werden).

Bisher konnte nicht bestätigt werden, ob Steppenwolfs Text sich in irgendeiner Weise auf Burroughs Werk bezieht, obwohl der berühmte Rockkritiker Lester Bangs Burroughs in seinen bahnbrechenden Artikeln im Creem Magazine zitiert, in denen sich der Schriftsteller davon überzeugt zeigt, den Begriff Heavy Metal, bezogen auf eine Musikform, erfunden zu haben.

Tatsächlich erwähnen die meisten Quellen, in denen es um die Namensgebung geht, Bangs. Und so haben wir unsere drei Ursprünge beisammen: Steppenwolfs Song, Burroughs‘ Buch, und einen Artikel des Musikkritikers Lester Bangs.

So deutete beispielsweise der Eintrag "Heavy Metal" in der Rolling Stone Encyclopedia of Rock & Roll von 1983 an, dass "der Begriff Heavy Metal ursprünglich von dem Beat-Autor William Burroughs in seinem Roman Naked Lunch geprägt wurde, von Steppenwolf in ihrem Hit "Born to be Wild" ("Heavy Metal Thunder") wieder in das Pop-Vokabular aufgenommen, und anschließend von Rockkritiker Lester Bangs in der Heavy-Metal-Fanzeitschrift Creem" neu definiert wurde.

Creem-Magazine vom Juni 1972. Der besagte
Artikel dreht sich um Black Sabbath.
Und es gab noch mehr Magazine, die das jahrelang genauso voneinander abschrieben. Kritiker wie Bangs sind fast schon logischerweise Namensgeber von Genres, weil sie diese Konstrukte kontinuierlich als Kurzform verwenden müssen. Das verhielt sich mit der NWOBHM ganz genauso. Das macht die Sache dann besonders glaubhaft. Der Witz an der Sache: Es ist falsch.

Die Soziologie-Professorin Deena Weinstein hat das in ihrem Buch "Heavy Metal: The Music and it‘s Culture" nachgewiesen, indem sie sich durch die zitierte Ausgabe des Creem Magazine von Juni 1972 arbeitete. Natürlich fand sie den oft zitierten Artikel von Bangs, aber davon war kein Wort von Heavy Metal zu lesen. Tatsächlich ging Weinstein die ersten zwei Jahre nach der Gründung des Magazins durch, wurde aber nur ein einziges Mal fündig.

In einer Rezension von Sir Lord Baltimores Debüt Kingdom Come (Mercury) im Mai 1971 schrieb der Creem-Kritiker Mike Saunders:

Dieses Album ist weit entfernt vom derzeit vorherrschenden Grand Funk-Matsch, denn Sir Lord Baltimore scheinen die besten Heavy Metal-Tricks für sich zu verbuchen. Genau genommen klingen sie instrumental wie eine Mischung aus den schnelleren Led Zeppelin-Songs, und gesanglich wie ein endloses Johny Winter-Kreischen. Sie halten alles mit kühlem Kopf beisammen.

Deena Weinstein: Heavy Metal: The
Music and it's Culture
Mike Saunders war also ihr Kandidat, um als Urheber des Genre-Begriffs zu gelten. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre wurde diese Gewissheit jedoch erschüttert. Sie sprach mit einer Plattenpublizistin und diese erwähnte Bangs mit viel Ehrfurcht. Weinstein wollte den Sachverhalt richtig stellen und erwähnte, dass es nicht Bangs, sondern Saunders gewesen war, der den Begriff Heavy Metal zuerst verwendete, um einen Musikstil zu beschreiben. Die Publizistin kannte Saunders und gab Weinstein die eMail-Adresse. Zur Überraschung der Professorin erklärte ihr Saunders, dass er es garantiert nicht gewesen sei, sondern dass der Begriff definitiv 1971 zum ersten Mal in der Presse benutzt wurde. Er selbst habe zwar keine Erinnerung mehr daran, vermute aber, dass Lester Bangs der erste war, weil er in den Anfangstagen von Creem eine Menge Artikel verfasst habe.

Diese Aussage jedoch blieb unbestätigt. Kein einziger Text wies daraufhin, dass der Begriff vor Saunders‘ Lord Baltimore-Rezension jemals benutzt worden war, bis im Jahre 2006 eine Mail von Saunders an Weinstein den Sachverhalt aufklärte. Darin sagt der Musikkritiker, dass tatsächlich er den Begriff geprägt habe, allerdings schon früher als bisher angenommen, nämlich am 12. November 1970 im Rolling Stone, als er die ersten drei Humble Pie-Alben besprach.

Bei der Beschreibung ihres zweiten Albums Safe as Yesterday sagten Saunders, dass Humble Pie

"eine laute, unmelodische, bleiern-heavy-metal-schwere Shit-Rock-Band sind, deren laute und lärmende Stücke auch schon alles aussagen".

In dieser Mail erklärte er auch, wie er auf den Begriff Heavy Metal kam:

Mittlerweile ist es mir ganz klar. Ich hatte im Herbst 1969 und im Frühjahr 1970 meine ersten Semester Chemie studiert. Die Phrasen "bleiernes Metall" und "Schwermetall", zusammen mit dem Periodensystem der Elemente, aus der sie stammten, hatten meinen Alltag zu diesem Zeitpunkt stärker geprägt als jeder alte Steppenwolf-Hit. 
Humble Pies Album war steif, schwülstig, das heißt, bleiern in seinem Mangel an Swing, was die Drums betraf. Seit drei Jahren gab es bereits den gebräuchlichen Genrebegriff heavy, nämlich als Heavy Rock. Zum Teufel, warum also nicht den Begriff "bleierner Metal" zwischen das Heavy/Rock-Tandem einfügen? "Metallisch bleiern" muss auf dem Papier besser aussehen, also; "bleierner Heavy-Metal-Rock". Seitdem sind die beiden Wörter heavy und metal selbst in ein Tandem verwandelt worden, genau wie auf der Periodentafel.“

Saunders' Ableitung basierte nicht auf Steppenwolfs Song, "und man kann mir glauben, dass ich noch nie etwas von Burroughs gesehen oder gelesen hatte", betonte er. Er berichtete, dass einige Monate nach dem Schreiben der Humble Pie-Rezension folgendes geschah:

Als ich dem Sir Lord Baltimore-Debüt aufmerksam lauschte, verwertete ich einfach mein eigenes mentales Inventar an Phrasen in einem viel günstigeren Licht, als ich nämlich von den „besten Heavy-Metal-Tricks" sprach.

Das könnte man jetzt einfach mal so stehen lassen. Weinstein tat das nicht und hegte einen gesunden Zweifel daran, dass Saunders sich richtig erinnerte. Schließlich hatte er zuerst behauptet, seine Sir Lord Baltimore-Rezension wäre nicht das erste Mal gewesen, dass der Begriff "Heavy Metal" im Druck verwendet wurde. Also lag er vielleicht auch mit seiner Humble-Pie-Rezension falsch.Vielleicht war es gar nicht Saunders, der den Namen des Genres geprägt hat. Schließlich gab es weitere Kandidaten.

Andere Mitbewerber


Der glaubwürdigste und bekannteste Rivale ist Sandy Pearlman. Er war bereits ein Rockkritiker gewesen, als die Rockkritik noch in ihren Kinderschuhen steckte, Autor und Mitherausgeber von Crawdaddy! Außerdem produzierte und unterstütze er auch sonst Bands, vor allem aber war er der Produzent und Mentor von Blue Oyster Cult. 1991 sagte er in einem Interview:

„Ich habe den Begriff Heavy Metal erfunden. Tatsächlich habe ich ihn aus dem Periodensystem genommen, aber ich habe ihn auf die Musik geklebt.“

In einem Gespräch, das er mit dem Mondo 2000-Autor Jas Morgan führte, erwähnte Pearlman, , dass er den Begriff in seiner Crawdaddy!-Rezension des The Notorious Byrd Brothers-Albums wegen „der unglaublichen Komplexität der Verzerrung“ verwendete.

Tim Connors, Inhaber der Website ByrdWatcher: A Field Guide to the Byrds of Los Angeles, auf der eine Kopie dieses Interviews zu finden war (die Seite ist nicht mehr im Netz), ließ Zweifel an Pearlmans Behauptung aufkommen:

Pearlmans Rezension in Crawdaddy! enthält in Wirklichkeit den Begriff „Heavy Metal“ nicht; vielleicht kann ein hilfreicher Leser eine andere Erwähnung der Byrds in einem Artikel finden, in dem Pearlman den Begriff verwendet. Beachten Sie, dass in der Regel Lester Bangs dafür Anerkennung erhält, den Begriff von William Burroughs aufgenommen und in seinem musikalischen Sinne angewendet zu haben. Dennoch ist Pearlmans Beobachtung interessant, auch wenn sein Gedächtnis ungenau ist.

Prof. Deena Weinstein
Pearlman lässt das Wort "Metal" zwar fallen, allerdings in anderen Rezensionen. "Metal" durchdringt seine Rezension des Live-Albums der Rolling Stones, Got Live if you Want It!, im März 1967 in Crawdaddy! veröffentlicht.

"Auf diesem Album werden die Stones zum Metal. Technisch sitzen sie fest im Sattel.“

Er verwendete den Begriff Metall (oder metallisch) achtmal in den ersten acht Sätzen der Rezension. Allerdings verwendet er nicht die Formulierung "Heavy Metal". Er verwendet einfach "Metal" als Adjektiv, um einen Sound zu beschreiben, und nicht etwa einen Stil, der über dieses Album oder diese Band hinausgeht – das heißt, nicht als Genre.

Auch Barry Gifford wurde zu einem wichtigen Kandidaten, nachdem er 1968 im Rolling Stone eine Rezension über ein Electric Flag-Album schrieb:

Niemand, der Mike Bloomfield in den letzten Jahren zugehört hat - weder redend noch spielend - hätte das erwarten können. Das ist die New Soul Music, die Synthese aus White Blues und Heavy Metal-Rock.

Lester Bangs
Diese Verwendung kann hier als Beschreibung des Sounds des Albums oder als Genreprägung interpretiert werden, da Soulmusik und White Blues Genres sind. Der Autor verdeutlichte jedoch später seine Absicht. In Bezug auf den Begriff  "Heavy Metal" sagte er:

"Ich habe nur den Sound der Band beschrieben, die natürlich keine Ähnlichkeit mit dem hatte, was später im Volksmund als Heavy Metal bekannt wurde".

Und noch ein weiteres Gerücht über die erstmalige Nutzung des Begriffs gibt es. In einem BBC-Interview sagte Chas Chandler, der Manager von Jimi Hendrix, dass der Begriff in der New York Times verwendet werde, um Hendrix‘ Musik zu beschreiben. Es wurde jedoch kein solcher Artikel gefunden. Man vermutet deshalb, dass Chandler die Review von Axis: Bold as Love im Rolling Stone im Kopf hatte. Dort schrieb Jim Miller:

Jimi Hendrix klingt wie ein Schrotthaufen, sehr heavy und metallisch laut.

Kritiker Scott Woods, der 2011 zum Chandler-Hendrix-Posting Stellung nahm, schrieb:

Interessant an all diesen frühen Beispielen ist wahrscheinlich, dass die Autoren alle das Wort "Metal" (und seine Ableitungen) als eigentliches Adjektiv verwendeten, um herauszuarbeiten, wie die Musik klingt. Das ist alles, und es war noch kein Genre damit kodifiziert. ("Grunge" hat ähnliche Anfänge und wurde von Kritikern oft als Wort benutzt, um eine bestimmte Art von lautem, dreckigem Gitarrenrock zu beschreiben.)

Bis auf Saunders verschwinden alle anderen Konkurrenten im Diffusen. Doch starke Zweifel gab es auch an seiner Aussage.

Tatsächlich hatte Weinstein bisher nur das Creem-Magazin durchsucht, um fündig zu werden. Was aber war mit dem Offensichtlichsten, dem Rolling Stone? In der Tat wurde hier der Begriff zum ersten Mal verwendet, und zwar von keinem geringeren als Lester Bangs.

In seiner Rezension von The Guess Whos Canned Wheat in der Rolling Stone-Ausgabe vom 7. Februar 1970 schrieb Bangs:

Mit der feinen Hit-Single 'Undun' im Gepäck sind sie nach all den Heavy-Metal-Robotern des vergangenen Jahres ziemlich erfrischend.

Hier wird der Begriff Heavy Metal als Adjektiv verwendet. Er bezieht sich auf eine Gruppe von Bands. Diese als Roboter zu beschreiben, ist kein Lob – es erniedrigt ihre Arbeit als mechanisch und nicht als kreativ, als allgemein und nicht als authentisch. Dennoch gilt er hier als der Name für ein Genre. Dass sie als "Schwermetallroboter" bezeichnet werden, scheint überflüssig, da Roboter im Allgemeinen aus Metall bestehen (und nicht aus weichem Material wie Stoff oder nicht formbarem Material wie Beton). Warum nicht den Begriff  "Metallroboter" (Metal Robot) oder einfach nur Roboter verwenden? Man kann spekulieren, dass Bangs sich auf Burroughs' Blue Heavy Metal People of Uranus mit ihren Metallgesichtern und Antennen bezog, wie Uranus-Willy, the heavy metal kid, ein Charakter aus der Nova-Trilogie.

Bangs kannte sich mit den Beat-Dichtern gut aus. Obwohl Kerouac zu seinem Haupteinfluss wurde, war er sicherlich mit Burroughs' Werk vertraut.

Ein Genre mit einem anderen Namen ist ein anderes Genre.


Obwohl Bangs und Saunders den Begriff Heavy Metal jeweils aus sehr unterschiedlichen Quellen entlehnt haben, haben beide Kritiker ihn in den ersten Reviews, in denen sie ihn verwendeten, im negativen Sinne eingesetzt. Dennoch war ihre Einstellung zu dieser Art von Musik, zumindest in der ersten Hälfte der 1970er Jahre, etwas anders. Bangs hat vielleicht über einige der Bands geschrieben, die er oder andere als Heavy Metal bezeichnen würden, aber er war kein Fan. Saunders hingegen spielte das, was er für guten Heavy Metal hielt, so oft im Schlafsaal seiner Uni, dass er Ende 1971 den Spitznamen Metal Mike bekam.

Wer das Genre zuerst benannt hat, ist weniger bedeutend als die Gründe, warum sich dieser Name durchsetzte.

Anfangs gab es mehrere alternative Genre-Namen für die Art von Rock, der schließlich als Heavy Metal bekannt wurde. Der früheste war "Heavy Rock". Er wurde in den späten 1960er Jahren mit Cream, Blue Cheer und vor allem Led Zeppelin in Verbindung gebracht und blieb bis Anfang der 1970er Jahre vor allem in Großbritannien im Einsatz. Black Sabbath, die aus der gleichen Birminghamer Szene wie Robert Plant und John Bonham stammten, wurden ebenfalls häufig als Heavy Rock eingestuft. (Für kurze Zeit galt Black Sabbath auch als Prog-Rock. Frühe Konzertplakate für ihre Auftritte auf der Insel im Jahr 1970 benutzten diesen Slogan, und auf ihrer ersten US-Tournee eröffneten sie für Yes, eine Progrockband der Extraklasse.)

"Heavy" referenzierte den Klang der Musik - die lauten E-Gitarren und Bässe, und auch das knackige Schlagzeugspiel. Aber "heavy" war auch ein Wort, das von der Jugend der 60er Jahre stark benutzt wurde. Es bedeutete „tief“, „bedeutungsvoll“ oder einfach nur „gut“.

Hard Rock war ein weiterer Begriff, nicht so sehr für ein Genre, sondern für einen weiten Bereich der Rockmusik, der den Blues-Rock als gemeinsamen Nenner hatte. Wenn eine Band mit E-Gitarren und Bass und einem großen Schlagzeug nicht an ein bestimmtes Genre wie Psychedelic Rock oder Heavy Metal gebunden war, wurde sie in diese breitere Kategorie eingeordnet.

Ein weiterer Genrebegriff, der vor allem in den USA für Sabbath, Grand Funk, Bloodrock und andere verwendet wurde, war "Downer Rock". Diese Bezeichnung wurde von Kritikern auf verschiedene Weise verwendet. Zuerst wurden die Texte der unter der Rubrik versammelten Bands als Antipoden des hoffnungsvollen Happy-Hippie-Verhaltens angesehen. Tatsächlich konzentrierten sich diese Bands auf die dunkleren Wahrheiten der Realität, wie Krieg und Tod. Eine zweite Referenz für "Downer" war die Tendenz einiger Fans dieser Bands, Barbiturate wie Seconal und Quaaludes ('ludes) zu verwenden. Diese sedierenden oder beruhigenden Medikamente waren allgemein als "Downers" bekannt.

Das Rolling Stone Magazine machte den Genrebegriff durch ein Feature vom Oktober 1971 mit dem Titel: "Twelve Homesick Hours with the Princes of Downer Rock: How Black Was My Sabbath" populär.

„Downer“ bezog sich in diesem Fall nicht auf Drogen; das Publikum wurde als Bier trinkend beschrieben und auch

"der Geruch von Drogen und dampfenden Körpern umhüllte jeden mit einer feuchten Wolke, die sich mit der Musik und den Worten vermischte, als Ozzie auf der Bühne schrie und seine Faust in der Luft schüttelte, während er auf und ab sprang"

Der Downer Rock im Titel des Artikels bezog sich auf die Texte der Band. Alle Texte der eisenharten Rock-Songs enthalten Bilder einer zum Scheitern verurteilten Welt, die Frustration des einzelnen Menschen, Atomgezeiten, und durch all das hindurch hört man das Lachen des Teufels. All dies zu schmerzhaft lauter und dreckiger Musik. Das Publikum liebte es.

Es war "Downer Music", nicht "Heavy Metal", was Bangs in seinem oft zitierten (aber von allen falsch gelesenen) Artikel über Black Sabbath in Creem 1972 verwendete:

„Das Publikum, das endlos sowohl nach dem knochenrüttelnden Klang als auch nach jemandem suchte, der die gegenwärtigen sozialen und psychischen Traumata ins rechte Licht rückt, fand das alles in Black Sabbath. Sie besaßen eine dunkle Vision der Gesellschaft und der menschlichen Seele, die aus schwarzer Magie und christlichem Mythos entlehnt war; sie schnitten direkt in das jugendliche Herz der Dunkelheit mit obsessiven, erdrückenden Klangblöcken und "Worten, die direkt zu deinem Schmerz führen", Worte, "bei denen es kein Morgen gibt," wie Ozzy in "Warning" von ihrem ersten Album sang. Die Kritiker antworteten fast einstimmig, indem sie sie sie als "Downer Music" verurteilten.“

Bangs war hier schüchtern und schien sowohl für als auch gegen den Sabbat zu sein. Doch er erkannte das Vorurteil des kritischen Establishments, dessen zentrale Figur er wurde, und vermittelte ein drittes Verständnis des Wortes "Downer" - ein Versagen.

Was ist der Name Heavy Metal? Die Musik, die mindestens in den ersten zwei Jahrzehnten unter dem Namen "Heavy Metal" zusammengefasst wurde, zeigte eine Reihe von Eigenschaften und Sensibilität. Diese Musik würde zwar unter anderen Namen genauso klingen, aber wäre sie auch ohne diesen Begriff "Heavy Metal" zusammengefasst worden? Genres schließen aus und schließen ein. Wäre die gleiche Musik zusammengetragen worden, wenn der Begriff "Downer Rock" statt "Heavy Metal" gewesen wäre? Oder einfach nur "heavy rock"?
Zunächst einmal besitzt Heavy Metal das Wort "heavy", mit all den Konnotationen und Erkenntnissen, die dieses Wort im "Heavy Rock" als Genre-Namen hatte. In gewisser Weise ist Heavy Metal so etwas wie Heavy Rock, aber mehr noch. Und dieses mehr ist natürlich der "Metal".

Das Wort "Metal" selbst hatte in den späten 60er bis mittleren 70er Jahren mehrere Konnotationen. Viele benutzten "Metal" als Beschreibung eines Klangs. Sie bezogen sich wahrscheinlich auf den dichteren, harmonischeren Klang verstärkter E-Gitarren und benutzten das Metall der Gitarrensaiten als Metonym.

Die Verbindung von "heavy" und "metal" kam natürlich nicht aus dem Nichts. Es hatte zu dieser Zeit bereits in anderen Kontexten Geltung, und diese wurden von einigen, einschließlich der Kritiker, in der Rockwelt aufgegriffen.

Bonfire, der Songwriter von "Born to be Wild" und Kritiker Mike Saunders sagten beide, dass sie den Ausdruck aus ihrem Wissen über das Periodensystem der Elemente nahmen. Es ist schwer vorstellbar, dass einer von ihnen an ein bestimmtes Schwermetall dachte (Kobalt, Kupfer, Mangan, Molybdän, Vanadium, Strontium und Zink, Quecksilber, Blei und Cadmium). Wahrscheinlicher war es, dass sie an Stahl oder seinen Rohstoff Eisen dachten. Eisen ist laut Chemikern nicht Teil der Schwermetallfamilie; es gehört zur Gruppe der Übergangsmetalle. Aber für Metalheads, besonders in den 1970er Jahren, war eindeutig Eisen das echte Metall, das ihr Genre darstellte. So viele der Fans der ersten Jahrzehnte kamen aus den metallverarbeitenden Bereichen - Eisenbergbau, Schmelzereien, Schmieden, Kohlebergbau, Automobilproduktion - der britischen Midlands um Birmingham, die unter anderem Black Sabbath und Judas Priest hervorbrachten, und den Industriegebieten Nordbritanniens und in den USA um Detroit.

Dienstag, 14. Mai 2019

Projekt Hypnos: 01 Der Bienenstock

[... und ich sause hinab in den tiefen Schlaf, mein Blut, mein Regenbogen-Streben; ich erkenne all die bunten Horte dort - und bin doch nicht weniger als finst're Nacht, aus Nacht geboren, gezeugt von Finsternis ...]


Früher hatte man die Gegend, in der nun der Bienenstock stand, den Venusberg genannt. Dorthin flüchtete sich nämlich die Göttin einst vor dem Christentum, wurde von Hulda versteckt und hielt dort gemeinsam mit Nymphen und Nixen ihren legendären Hof, von dem lange nichts mehr bekannt geworden ist. Die Menschenzeit hat alle Schönheit aus der Welt hinfort getupft, und so tauchte über die Jahre das Volk der Ratten in die unterirdischen Verbindungsgänge und fand sich wohl im Unterbewusstsein der Erde. Und in dieser chtonischen Welt gediehen sie manniglich und unbeeindruckt von den Geschehnissen des Tages, die nicht anders als Verheerend genannt werden dürfen. (Sollte sich je ein Schreiber finden, der davon noch Erinnerungen hat, so möge er die Götter überraschen und die Schrift neu ersinnen, denn die wenigen Menschen, die ihre eigene Katastrophe überlebt hatten, kamen - aus anderen Gründen als dazumal die Kelten - gänzlich ohne sie aus.)

Mellonia, die Göttin, die einst Zeus vor seinem Vater Cronos rettete und ihn mit der Milch der Ziegengöttin nährte, mag hier niemals erinnert gewesen sein unter den Frauen, die im Bienenstock lebten und dort all ihre weiblichen Fertigkeiten anwandten, von der Fütterung der Säuglinge angefangen, die sie als Gemeingut betrachteten, über die Säuberung der Waben, dem Nähren der Drohnen bis hin zu der Empfängnis, die man auch hier wie in alter Zeit die Hochzeit nannte.

Die Ratten gaben sich dem Kellergewölbe hin und profitierten von den Frauen, die nichts von ihrer Vergangenheit wussten, durch eine Merkwürdigkeit, die dem überlebenden Matriarchat zu Buche stand. Deren Säuglinge nämlich sonderten eine Flüssigkeit ab, eine erste Milch, die aus dem Überschuss der Ammentätigkeit bestand. So wurde in die Menschenkinder so viel Lebensflüssigkeit hinein gespendet, dass diese die - nun so genannte - Rattenmilch aus jener Öffnung, die auf der linken Seite ihres Abdomens zu finden war, wieder ausschieden. Im Laufe der rättischen Evolution: Schlitzrüssler, Spitzmäuse, die vom Rattenvolk in einer Endschlacht auf den Karibischen Inseln besiegt wurden, näherten sie sich dem Menschen durch ihren gemeinsamen Vorfahren, Juramaia sinensis, wieder an, denn während die Krone der Schöpfung weiter und weiter degenerierte, gelang es dem Rattenvolk, den umgekehrten Weg zu gehen, so dass sie den wenigen Überlebenden dieser verwandten Spezies in nichts mehr nachstehen mussten.

Es gab in diesem geordneten Gefüge einen Betrieb, der sich in allen Punkten den Belangen des Bienenstocks unterwarf, wie es der Instinkt der Melipona vorsah, der eigentlich nicht auf den Menschen übertragen werden konnte, denn ein Instinkt wurde sich noch niemals abgeschaut. So mag es sein, dass von einem Matriarchat dieser Ausprägung auf ein anderes geschlossen werden kann - aber das hieße, die Logik zu bemühen, die schon bei den überkommenen Menschen ein hilfloses Unterfangen darstellte, von dem aus sie vielleicht begannen, sich aufzulösen, denn die Ratio ist dem Traume eine Schande - und die Natur neigte schon immer dazu, ihre eigene Schande in Fossilien zu verwandeln.

Die Arbeiterinnen des Baus bildeten fast regelmäßige wächserne Zellenkuchen mit zylindrischen Zellen aneinander, worin die Jungen gepflegt wurden. In eine dieser Zellen entschwand alsbald, nach getaner Arbeit im Hauptsaal, die Kollegin unserer jetzt erst zur Sprache kommenden Protagonistin. Es wird nur ein schwaches Licht benötigt, ihre Form aus dem Schlaf zu schälen, der allgegenwärtig ist (ich selbst habe die Hoheit meiner Schwingen nie als Last empfunden). Die Drohnen, männliche Säuglinge, benötigen eine andere Pflege als die fleißigen Arbeiterinnen; sie werden gefüttert und gehegt, denn außer zur Zeugung sind sie in dieser neuen Welt von keinerlei Nutzen, außer: die Ratten mit zu ernähren, wozu besagtes Loch im Körper dient. Und nun bemerkt die Amme, die sich zu einer dieser Drohnen legt, das nahe Versiegen des Nährflusses, der gewöhnlich über das Bett hinunter zu Boden läuft, um in einer eingelassenen Schale zu entschwinden, die durch zeitgetaktete Rohrmünder gestaut und regelmäßig in den Keller hinab geführt wird. Wohl ist sie erschöpft, wohl nicht Willens, der Jüngeren ihren Dienst zu übergeben, ohne sie genötigt zu haben, das Büblein zu bemilchen. Doch, hören wir recht? Diese lehnt es ab.

So ist es unter Bienen nie üblich gewesen, zu streiten, denn das Chaos wäre die Folge, wenn nicht jede Arbeiterin ganz genau wüsste, was in jeder Situation zu tun ist. Doch vergessen wir nicht, dass es sich bei unserer Betrachtung um Menschenreste handelt, die wohl auch nach der finalen Katastrophe nur eine kleine Abschwächung erfuhren. So blieb es bei Forderung und Zurückweisung - wir werden nie erfahren (nein, auch wir Götter nicht) - warum sich manche Pflichten derangieren lassen; denn zum einen lag das Hin und Her in der konstanten Waage wie unsere geliebte Straße von Kertsch, zum anderen öffnete sich die Wabentüre und eine andere Arbeiterin trat hinzu, ging an den Pflicht-Ringenden vorbei und steuerte auf das eingelassene Fenster zu, das sie sperrangelweit öffnete, bevor sie sich umdrehte, um dem bereits ins Stocken geratenen Gespräch eine gänzlich neue Wendung zu geben. Sie nämlich führte ein junges Rattenkind in ihren Armen, hievte es allein mit der Gewalt in ihren Fingern über den Sims und ließ es über dem nun für das Geschöpf zu tage tretenden Abgrund baumeln. Dabei sprach sie die einzigen Worte, die wir in dieser Abhandlung hören werden: "Wenn ich das Tier jetzt einfach fallen ließe, dann würde sich kein Mensch darum scheren."